Sterben um zu leben

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Schwer wie Blei und müd´,
als hätt ich tausend Stunden
wach gelegen
fühl ich mich – die Kraft reicht kaum,
um einen Muskel zu bewegen.

Leise strömen Atemzüge
unbeteiligt ein und aus
während ich gefangen lieg´
im selbstgebauten Nebelhaus

wo Blicke in die Ferne schweifen
ohne etwas zu erkennen,
denn jeder Funke Klarheit
scheint vor mir davonzurennen.

Bin nüchtern und doch zugedröhnt
ja, vollgepumpt mit Illusionen,
deren Sog mich kentern ließ –
dabei hätt ich geschworen
es würde sich lohnen

noch festzuhalten, dranzubleiben
mich noch weiter aufzureiben
standhaft kämpfend für ein Ziel
dass ich so doch gar nicht will
und

genau diese Momente sind´s
aus denen Fragen sich erheben,
die sich schon and´re Köpfe stellten:
„Muss ich denn sterben, um zu leben?“

Dieses Flehen nach der Wende
im Schicksal jedes Sisyphus:

„Ach, möge diese Last verschwinden
bevor ich dran krepieren muss,
hätt´ die Tortur doch mal ein Ende,
wär bloß mit den Strapazen Schluss!“

Dieses Flehen bleibt ungehört
wie ein schallgedämpfter Schuss.

So lieg ich da, ich lieg und warte
auf die Heilung meiner Wunden,
jonglier´ gedanklich mit Optionen,
mein Verstand dreht Ehrenrunden

um mich weiter zu versorgen
mit Ideen, die ich schon kenn,
die dann dafür sorgen,
dass ich schon morgen
voll … in die nächste Sackgasse renn´.

Was also tun, wenn aus alten Ideen
keine Lösungen mehr entstehen?
Was also tun, und warum und für wen,
wenn wir uns doch nur im Kreise drehen

und das Flehen nach der Wende
im Schicksalsmodell Sisyphus
am Ende ungehört verhallt
wie ein schallgedämpfter Schuss?

Mir bleibt nur eine Möglichkeit
die effektiv und unmelancholisch
basierend auf dem Wunsch zu leben (!)
bedingt, dass ich tatsächlich symbolisch
hier und heute sterbe –
und zwar aus freien Stücken.

Dass genannte Möglichkeit
nach etwas mehr Erklärung schreit,
seh ich an euren Blicken … *pause*

Sterben ist … für viele das Schlimmste,
was passieren kann
und doch fängt so – genau genommen –
bloß ein neuer Zyklus an:

Kein Baum macht je ein Drama draus
fallen ihm die Blätter aus
der Krone
er steht dann ´ne Weile ohne
da
nur um schon im nächsten Jahr
neue Triebe zu empfangen
und wieder in seine Kraft zu gelangen.

Sterben an sich ist also natürlich.
Wie kommt´s dann,
dass wir´s so verachten,
dass wir dem Tode übergebührlich
vehement nach dem Leben trachten?

Wer fleht denn hier,
die Last soll verschwinden?
Wer glaubt denn, dass er krepieren muss,
dass die Tortur kein Ende nimmt
wer glaubt an Strapazen bis zum Schluss?

Es ist … Klein Ego, das sich klammert
an das Elend, weil´s das kennt.
Es ist Ego, das hier jammert
und schreit und flucht und bitter flennt,

sobald es sie bedroht sieht
die formgebende Existenz,
die der Tod ihm nehmen könnt´
in allerletzter Konsequenz.

Ego nährt sich vom Drama,
es braucht die Probleme,
schiebt die Verantwortung gern auf Systeme,
Naturphänomene und auf all jene,

die mal dafür zu sorgen hätten,
dass es sich frei entfalten kann,
die kommen sollen um es zu retten
aus beklemmenden Ohnmachtsgefühlen,

die jenen trotziger Kinder gleichen,
welche drauf hoffen,
jemand würd sich erweichen
und ihrem Schmerz ein Zuhause geben,
dann bräuchten sie noch nicht zu sterben,
dann könnten sie irgendwie weiterleben.

Doch der Mensch bleibt versklavt
in diesem Spiel,
wo das Ego stets
Liebe und Recht haben will
und das auch unbeirrbar fordert –
es sei denn, es wird herab beordert

weil ich nun diesen Thron bewohn
als freie Instanz, frei von der Arroganz
mit dem Tod verhandeln zu wollen,
anstatt dem Leben Respekt zu zollen.

Und ja, allein dieser Entschluss,
dass sich am Thron was ändern muss
löst es auf, mein Nebelhaus
und macht mit den Strapazen Schluss.

Die Möglichkeit, die mich befreit
von tausend Stunden Müdigkeit,
die mich entlässt aus Illusion
und mir Klarheit schenkt als Lohn

heißt: mir die Irrtümer vergeben –
die müssen sterben, nur so kann ich leben
und etwas tun, wenn aus alten Ideen
keine Lösungen mehr entstehen.

Ich muss mich nicht für irgendwen
permanent im Kreise drehen,
ich muss nicht sterben um zu leben,
ich kann die Rollen neu vergeben:

Die Seele als Regentin im Schloss
und mein Ego als Diener –
nicht mehr als Boss.

Denn so erhält auch Sisyphus
statt schallgedämpftem Gnadenschuss
das, was er sich lang schon wünscht:

Ein Danke und ´nen Abschiedskuss.

 

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