Die Sprache liegt im Krankenhaus

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Ich ging neulich ins Krankenhaus
um alte Freunde zu besuchen,
und saß da mit Respekt und Bildung
gemütlich plaudernd
bei einem Stück Kuchen

als ich ein Gespräch vernahm
vor dem Zimmer, draußen am Gang
wo eine der Schwestern
zur anderen raunte:
„Wie geht’s der Patientin im Raum nebenan?“

„Schaut nicht gut aus, die Alte,
voll apathisch und verwirrt,
schlechte Werte, will nix essen …
weiß nicht, ob die wieder wird?“

Fragend blick ich in die Runde,
und Frau Bildung klärt mich auf:
„Sie reden grad über Frau Sprache –
die Gute war schon besser drauf.“

Ich verabschiede mich höflich
und schleiche in das Nachbarzimmer
hatte hier schon viel gesehen, doch
dieser Anblick war viel schlimmer
als ich es befürchtet hatte:

Da lag eine blasse Frau
in spitalsgemäßer Robe
starrte an die Decke
und zitierte Mira Lobe:

„Ich bin, ich bin, ich weiß nicht wer,
dreh mich hin und dreh mich her
dreh mich her und dreh mich hin
möchte wissen, wer ich bin.“

Die Sprache lag, so abgemagert,
dass ich sie kaum erkennen konnte
in diesem kargen Raum gelagert
sie, die mal so vornehm wohnte …

Die Haare, die einst seidig glänzten
stark zerzaust und ungepflegt
die schwachen Beine waren aufgrund
der Kreislaufschwäche hochgelegt.

Sie hatte ein Geschwür im Magen
schon 2x wollt´ ihr Herz versagen,
Muskelschwund, Epilepsie
und nun, wie´s schien, auch Amnesie!

Kaum angerührtes Essen
ein noch volles Wasserglas
Brille, Stift, ein Kreuzworträtsel,
ob sie zumindest etwas las?

Auf ihrem Nachttisch lag der Chronikteil
der „Heute“-Zeitung aufgeschlagen
DAS gibt man ihr als Medizin?
Sowas verdirbt ja MIR den Magen!

Ich lief nach Hause und riss blindlings
alle Bücher vom Regal,
packte meinen Rucksack voll,
rannte wieder ins Spital,

setzte mich ans Bett der Sprache,
rückte nahe an ihr Ohr
und die ganze Nacht hindurch
las ich ihr Geschichten vor
von Jane Austen bis Karl May –
fast alle hatte ich dabei:

Shakespeare, Goethe, Schiller, Kafka,
Hoffmann, Edgar Allan Poe,
Hesse, Rilke, Brecht, Fontane,
Astrid Lindgren sowieso,

Dickens, Tolkien, Stephen King,
Hemingway, Gebrüder Grimm,
Oscar Wilde und Erich Kästner,
da staunte selbst die Krankenschwester!

Dürrenmatt und Salinger,
Mark Twain und Thomas Mann,
und wisst ihr was? Die Sprache,
sie fing wieder zu strahlen an.

Die blassen Wangen wurden rosa
die Augen blitzten frech-charmant
gestärkt von Lyrik und von Prosa
saß sie da, fast elegant.

Ich fragte: „Wie ist das passiert?
Was hat dich so geschwächt?“
„Naja“, sprach sie, „ich kam
mit den Sanktionen nicht zurecht:

Zuerst die SMS-Diät
mit 160 Zeichen –
ich war dagegen, doch ihr meintet:
Nein, das müsse reichen.

Also weg mit Adjektiven,
Konjunktiven, Genitiven,
weg mit Interpunktion,
denn wer braucht sowas schon?

Großbuchstaben sind nicht trendy
dauert viel zu lang am Handy
und all meine Gefühle
die ich so gern behalten hätte
habt ihr einfach umgewandelt
zur Emoticon-Palette.

Aus jedem langen Wort
habt ihr ´ne Abkürzung gebaut
was blieb mir noch zu sagen?
Mein Werk, es war versaut!

Mitanzusehen, dass ihr mich
nicht mehr zelebriert
sondern in jedem Alltagskontext
aufs Banalste reduziert

und alles, wofür ich stand, vergesst,
mich orthographisch denunziert
für´s Lesen seid ihr zu gestresst,
ich fühlte mich wie ausrangiert.

Bald wollt ich nichts mehr
zu mir nehmen,
traute mich kaum noch hinaus.
Irgendwann kippte ich um
und kam ins Krankenhaus.

Wie lange ich hier bleiben muss,
kann derzeit niemand sagen.
Doch dank Erlebnissen wie heute
will ich nochmal das Hoffen wagen.“

Die Sprache seufzte und
schlief ein, weil sie müde war.
Ich wischte meine Tränen ab
und mir wurde klar:

Wenn wir die Sprache
nicht mehr ehren
tja, dann wird sie sterben.
Es liegt an uns, sie gut zu nähren
denn wir sind ihre Erben.

Zensiert euch nicht für Twitter,
weil 140 Zeichen
für bewegende Geschichten
nie und nimmer reichen.

Erst wenn wir die Wortvielfalt
wieder zur Kunst erheben,
kann neben Bildung und Respekt
auch die Sprache überleben.

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